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Nach 14 Jahren ist .web delegiert, und Verisign bekommt erstmals eine große Endung ohne Preisdeckel
Die Top-Level-Domain .web ist delegiert, vierzehn Jahre nach der Bewerbung und fast auf den Tag genau zehn Jahre nach der umstrittenen Auktion. Verisign will sie zum Jahreswechsel verkaufen und räumt Inhabern von .com-Domains einen Vorrang ein. Der wichtigere Unterschied zu .com und .net liegt jedoch im Vertrag: Für .web gibt es keine Preisobergrenze.
Die Top-Level-Domain .web ist in die Root Zone delegiert. Verisign teilte dies am 22. Juli 2026 mit und der IANA-Eintrag weist das Unternehmen seit dem 23. Juli als Registry Operator aus. Damit endet ein Verfahren, das 2012 mit der Bewerbung begann und die Branche 14 Jahre lang beschäftigt hat. Was jetzt folgt, hat Verisign im Analystengespräch zum zweiten Quartal in den Grundzügen beschrieben.
Der Fahrplan bis zur allgemeinen Verfügbarkeit
Vorstandschef Jim Bidzos skizzierte den Ablauf am 23. Juli so:
"There is a 90-day required period of security testing. That's the first thing we'll do. We're beginning that. There is a required minimum 30-day period in which only trademark holders may come and get their .web registration."
Die 90 Tage sind die von ICANN nach jeder Delegierung vorgeschriebene Phase zum Schutz vor Namenskollisionen, die 30 Tage sind die Mindestdauer der Sunrise Period für Inhaber von Marken, die im Trademark Clearinghouse hinterlegt sind. Beides sind keine Entscheidungen von Verisign, sondern Vorgaben, und zusammen ergeben sie nach Bidzos' eigener Rechnung 120 Tage. Darauf folgt eine Phase, die Verisign als „Limited Registration Period“ (LRP) bezeichnet. Vorgeschrieben ist sie nicht, ihre Ausgestaltung liegt bei der Registry:
"We have something optional called an LRP or a limited registration period. This is where registries have the opportunity to set their own rules for who can come in before you go to general availability."
Verisign will davon Gebrauch machen:
"We intend to run an LRP, and the rules that we will use is we will give all of our holders of .com registrations the opportunity to come and get the same registration in .web before we open registrations for general availability. We're working out the details of how long that will run, but we do intend to do that."
Wie lange diese Phase andauern soll, ist demnach noch offen. Als Zeitfenster für die allgemeine Verfügbarkeit nannte Bidzos "either late this year or very early next year". Rechnet man vom Eintrag in die Root Zone aus, enden die technische Phase um den 21. Oktober und die Markenphase um den 20. November 2026. Finanzvorstand John Calys dämpfte zugleich die Erwartungen für das laufende Jahr: Weder bei den Marketingausgaben noch beim Umsatz sei 2026 mit nennenswerten Beträgen aus .web zu rechnen.
Was dabei offen bleibt
Wie Verisign die Phase einordnet, geht aus den Angaben nicht hervor. Eine Registrierungsphase, deren Zugang auf Inhaber bestehender .com-Domains beschränkt ist, ist kein Landrush im herkömmlichen Sinne, denn die steht allen offen. Sie ähnelt eher einem Vorrecht für einen fest umrissenen Kreis, und wie lange sie laufen soll, ist nach Bidzos' eigener Aussage noch nicht entschieden.
Offen ist ebenso, ob es zusätzlich eine Early-Access-Phase geben wird, also die bei neuen Endungen übliche Staffelung absteigender Preise in den ersten Tagen der allgemeinen Verfügbarkeit. Bidzos hat Premium-Namen ausdrücklich erwähnt, eine solche Phase jedoch nicht. Für Registrare hängt es von diesen Punkten ab, welche Abläufe und Preislogiken sie bis zum Jahresende abbilden müssen. Antworten dazu hat Verisign für die kommenden Monate angekündigt.
Wie Verisign an .web kam
Um .web bewarben sich 2012 mehrere Unternehmen. Bei der ICANN-Auktion am 27. Juli 2016 setzte sich NU DOT CO LLC mit einem Gebot von 135 Millionen US-Dollar gegen Afilias durch. Kurz darauf wurde über ein Pflichtdokument von Verisign an die US-Börsenaufsicht bekannt, dass das Unternehmen die Bewerbung finanziert hatte und die Endung nach der Auktion übernehmen wollte. Der entscheidende Punkt daran war weniger der Preis als das Verfahren: Bei einer privaten Auktion unter den Bewerbern wäre das Geld unter den Unterlegenen verteilt worden. Weil die Auktion über ICANN lief, floss der Betrag an ICANN, und die Mitbewerber gingen leer aus.
Afilias Domains No. 3 Limited griff die Vergabe an und rief im November 2018 den Independent Review Process an. In seiner Final Declaration vom 20. Mai 2021 stellte das Panel fest, dass ICANN in zwei Punkten nicht im Einklang mit den eigenen Bylaws gehandelt hatte, und überließ die Entscheidung darüber, wer .web betreiben darf, ausdrücklich dem ICANN-Board.
Als das operative Geschäft von Afilias an Identity Digital überging, blieb der Anspruch auf .web bewusst außen vor. Die klagende Gesellschaft firmierte in „Altanovo Domains Limited“ um und verfolgte die Sache weiter. Es handelt sich also durchgehend um dieselbe Partei unter zwei Namen, die im Juli 2023 ein zweites IRP-Verfahren einleitete, dessen Unterlagen bis November 2025 reichen. Verisign spricht heute von einer erfolgreichen Beilegung aller Streitigkeiten, deren Einzelheiten vertraulich seien.
Zwischen der Auktion und der Delegierung liegen damit fast auf den Tag genau zehn Jahre.
Der eigentliche Gewinn liegt im Vertrag
Für Verisign ist .web mehr als eine weitere Endung im Portfolio, und das Unternehmen macht daraus auch kein Geheimnis. Bidzos im selben Gespräch:
"The most obvious difference with .web from .com and .net is that we have complete wholesale pricing flexibility. The only requirement is a 6-month notice. This includes the ability to sell premium names as well, which we cannot do in .com or .net."
Der Hintergrund: Verisign betreibt die .com-Zone unter den Bedingungen, die aus dem Cooperative Agreement mit dem US-Handelsministerium hervorgegangen sind. Der Preis darf nur in bestimmten Jahren und nur um bis zu sieben Prozent steigen. Aktuell liegt er bei gut zehn US-Dollar im Großhandel, und Premium-Preise für einzelne Namen sind bei .com und .net vertraglich ausgeschlossen. Für .web gilt dagegen das Standard-Registry-Agreement von ICANN. Es kennt keine Preisobergrenze, verlangt lediglich die Ankündigung sechs Monate im Voraus und erlaubt Registranten, bis zu zehn Jahre im Voraus zu verlängern.
Darin liegt der wirtschaftliche Reiz von .web. Nicht in der Aussicht, .com abzulösen, sondern darin, erstmals eine bekannte generische Endung ohne regulatorische Preisbindung zu betreiben.
Ob der Markt mitspielt, ist die andere Frage
Die Erwartungshaltung an .web stammt aus einer Zeit, in der die Endung als natürlicher Nachfolger von .com galt. Diese Zeit ist vorbei. Seit 2013 sind mehrere hundert neue generische Endungen an den Start gegangen, und die Bereitschaft, denselben Namen defensiv unter mehreren Endungen zu registrieren, hat entsprechend nachgelassen. Ein Blick auf .net ist instruktiv: Die Endung wird ebenfalls von Verisign betrieben, ist seit Jahrzehnten etabliert und verliert seit Jahren an Bestand. Wer eine .com hält, registriert die entsprechende Entsprechung nicht mehr automatisch daneben.
Die Preisfreiheit schneidet dabei in beide Richtungen. Sie erlaubt hohe Margen, aber ein hoher Einstiegspreis bremst genau die Massenregistrierungen, aus denen sich der Wert einer Endung langfristig speist. Wie Verisign diese Abwägung auflöst, wird sich an der Preisliste ablesen lassen. Sie ist die eigentliche Nachricht, auf die es sich lohnt, zu warten.
Quellen
- Verisign: Verisign Announces Delegation of .Web, 22. Juli 2026
- Transkript des Verisign Earnings Call zum zweiten Quartal 2026, 23. Juli 2026
- IANA Root Zone Database, Eintrag .web
- ICANN: Results Available for 27 July 2016 New gTLD Program Auction
- ICANN: Independent Review Process, Afilias Domains No. 3 Limited v. ICANN, Verfahrensunterlagen 2018 bis 2022
- ICANN: .WEB Independent Review Process Update zur Final Declaration vom 20. Mai 2021
- ICANN: Independent Review Process, Altanovo Domains Limited v. ICANN, Verfahrensunterlagen 2023 bis 2025
- Domain Name Wire: It looks like Verisign bought .Web domain for $135 million, 28. Juli 2016