DNS
Für fünf Euro bekam eine Hackerin die Möglichkeit, Telefonate zu Militärbasen umzuleiten
Eine Hackerin registrierte eine freigewordene Nameserver-Domain und erhielt damit die Kontrolle über die Telefonnummern dreier Inselgruppen. Über Monate hinweg liefen rund 200.000 protokollierte Abfragen bei ihr auf, fast alle davon bezogen sich auf Diego Garcia und Ascension. Die Hälfte der noch delegierten Zonen dieses Systems weist DNS-Probleme auf.
Es geht um ENUM, ein System aus den Anfangsjahren der Internettelefonie. Es bildet Rufnummern auf DNS-Namen ab. Eine deutsche Nummer steht dort Ziffer für Ziffer rückwärts unter 9.4.e164.arpa. Wer sie abfragt, erfährt, über welchen Dienst das Gespräch geführt wird. Im offenen Netz hat sich das nie durchgesetzt. Es wurde aber auch nicht abgeschaltet.
Zwei tote Nameserver
St. Helena, Ascension und das Britische Territorium im Indischen Ozean haben eigene Vorwahlen und ENUM-Zonen. Für alle drei waren dieselben beiden Nameserver eingetragen. Der eine löste nicht mehr auf. Die Domain des anderen war ausgelaufen und wieder frei.
Die Hackerin Lina registrierte sie für 5 Euro. Von da an konnte ihr Nameserver autoritativ auf ENUM-Anfragen für diese Nummernbereiche antworten. Einen Tag lang tat sich nichts. Ein halbes Jahr später standen 100.170 Abfragen für Diego Garcia in ihren Logs, 99.902 für Ascension und 9.133 für St. Helena. Die meisten kamen aus den USA. Dort versuchte ein Telefonanbieter, Gespräche über ENUM zu vermitteln. Ein zweiter Nameserver lief ohne Protokoll, deshalb schätzt Lina den gesamten Verkehr auf etwa 400.000 Abfragen.
Diego Garcia hat keine reguläre Zivilbevölkerung. Dort leben Militärangehörige und zivile Beschäftigte des britisch-amerikanischen Stützpunkts. Auf Ascension wohnen rund 800 Menschen, auch dort stehen britische und amerikanische Militäranlagen sowie Infrastruktur der Nachrichtendienste.
Abgehört hat Lina nichts. Ihr Server antwortete mit NXDOMAIN; die Gespräche liefen über das normale Telefonnetz. Protokolliert hat sie die Nummer, den Zeitstempel und die Adresse des fragenden Resolvers; die Logs hat sie später gelöscht. Wer stattdessen eigene SIP-Server eingetragen hätte, hätte die Gespräche über sich leiten und anschließend weitervermitteln können.
Ein halbes Jahr bis zur Zuständigkeit
Das Melden dauerte länger als das Kapern. Das RIPE NCC betreibt e164.arpa im Auftrag des IAB kann eine Länderdelegation jedoch nicht eigenmächtig ändern. Es verwies auf das Verfahren der ITU-T. Die britischen Behörden schwiegen zunächst. Kurz nach dem iranischen Raketenangriff auf Diego Garcia am 20. März 2026 übergab Lina die Domain an das britische NCSC, das seitdem darauf eine leere Seite parkt. Ob der Angriff den Ausschlag gab, ist offen.
Die Hälfte zeigt Probleme
Das RIPE NCC hatte den Zustand des Systems bereits im Mai selbst untersucht. Von 50 genehmigten Zonen wurden zwei nie eingerichtet und zwei später gelöscht, 46 sind delegiert. Bei 23 fand die Prüfung am obersten Delegationspunkt keine Auffälligkeiten. 17 gelten als nicht in Betrieb, sechs zeigen Teilprobleme.
Im Februar hatte das RIPE NCC der ITU-T Study Group 2 ein Papier vorgelegt. Es ging von einer technischen Frage aus, warf dann aber die Zukunft von ENUM insgesamt auf. Das brachte der Registry Kritik ein. Am 17. August ruderte sie zurück. Im Entwurf eines Liaison Statements heißt es: