ccTLDs
Montenegro bereitet eine staatliche Registry-Gesellschaft für .me vor
Montenegro will ein staatliches Unternehmen zur Verwaltung von .me gründen. Ein Regierungsdokument vom Mai 2026 nennt die Vorgeschichte: Der Vertrag mit dem Betreiber doMEn lief 2023 aus, das Berufungsgericht bestätigte dies im Dezember 2025 rechtskräftig, für das Auswahlverfahren empfahl die Kommission die Annullierung. Die Endung wird weiterhin von doMEn betrieben.
Das Kabinett des Vizepremierministers für Wirtschaftspolitik teilte am 2. August 2026 mit, ein Verfahren zur Gründung einer staatlichen Gesellschaft zur Verwaltung der nationalen Internetdomain eingeleitet zu haben. Die Mitteilung spricht von der Rückgewinnung der Verwaltung einer der wertvollsten digitalen Ressourcen sowie von digitaler Souveränität. Zahlen oder Hintergründe nennt sie nicht.
Die stehen in einem Dokument, das die Regierung am 27. Mai 2026 veröffentlicht hat, einer Information über die Ergebnisse des öffentlichen Aufrufs zur Auswahl eines Registrierungsagenten samt juristischer, technischer und finanzieller Analyse. Sie zeichnet ein deutlich anderes Bild als die Ankündigung.
Ein Vertrag, der 2023 endete
Die Rechtsbeziehung zwischen der Regierung und doMEn d.o.o. geht auf einen öffentlichen Aufruf vom 14. November 2007 zurück. Der Vertrag über den Registrierungsagenten wurde am 8. Februar 2008 mit doMEn geschlossen, das von GoDaddy.com Inc., Afilias Limited (das inzwischen in Identity Digital aufgegangen ist) und dem montenegrinischen Unternehmen MENET gegründet wurde. Drei Nachträge folgten, wobei der zweite vom 24. Juli 2012 die ursprünglich fünfjährige Laufzeit um zehn Jahre bis zum 31. März 2023 verlängerte.
2022 verhandelte das Ministerium über eine weitere Verlängerung. Vorgeschlagen wurde eine Laufzeit von fünf Jahren bei einer Anhebung des staatlichen Anteils an den Registry-Einnahmen von 33 auf 50 Prozent. Die Verhandlungen führten zu keinem Ergebnis.
Nach Ablauf des Vertrags klagte doMEn vor dem Wirtschaftsgericht Montenegros auf Feststellung, dass der Vertrag weiterhin gelte. Das Verfahren durchlief vier Stufen: Abweisung in erster Instanz im Januar 2024, Aufhebung und Zurückverweisung durch das Berufungsgericht im März 2024, erneute Abweisung im Oktober 2025 und schließlich die Zurückweisung der Berufung durch das Berufungsgericht am 5. Dezember 2025. Damit ist die Sache rechtskräftig entschieden.
Nach den im Regierungsdokument wiedergegebenen Feststellungen der Gerichte hatte doMEn die Absicht, den Vertrag zu verlängern, nicht in der vertraglich vorgesehenen Form mitgeteilt, weder an die im Vertrag genannte Adresse des Ministeriums noch in montenegrinischer Sprache. Eine E-Mail, die über die Adresse der amerikanischen Handelskammer verschickt wurde, werteten die Gerichte nicht als offizielle Mitteilung.
Wie es seit Oktober 2023 weiterläuft
Der Vertrag sah vor, dass der Registrierungsagent seine Leistungen im Fall einer Nichtverlängerung längstens für sechs Monate fortführt. Vom Vertragsende gerechnet lief diese Frist am 30. September 2023 ab. doMEn betreibt die Endung seither weiter.
In der beigefügten juristischen Analyse vertritt das Ministerium die Auffassung, dass für diesen Betrieb seitdem keine vertragliche oder gesetzliche Grundlage mehr besteht, und zieht daraus Konsequenzen für die geflossenen Zahlungen. Der Schutz der vermögensrechtlichen Interessen Montenegros hat sich dieser Auffassung nach Angaben des Dokuments im Dezember 2025 angeschlossen. Zugleich hält das Dokument fest, dass die Regierung weiterhin Zahlungen nach denselben prozentualen Parametern entgegennimmt wie im beendeten Vertrag, während sich die Infrastruktur und die Daten bei einem privaten Unternehmen befinden.
Was der Betrieb einbringt
Die Finanzanalyse beziffert die Gesamteinnahmen aus .me-Registrierungen für den Zeitraum von 2008 bis 2025 auf über 114 Millionen Euro. Davon flossen nach Angaben des Dokuments über 41 Millionen Euro in den montenegrinischen Haushalt, was einem Anteil von rund 35 bis 36 Prozent entsprach. Am Gewinn sei der Staat über den lokalen Partner mit etwa einem Viertel beteiligt.
Die technische Analyse hält fest, dass sich Registry-Backend und DNS-Infrastruktur unter der Kontrolle von Identity Digital befinden und dass die Datenbanken samt Replikationen in den Vereinigten Staaten und in Kanada liegen. Das Modell gewährleiste hohe Verfügbarkeit, bedeute jedoch, dass zentrale technische Komponenten in Montenegro nicht verfügbar seien.
Das Auswahlverfahren von 2023
Am 21. Juni 2023 veröffentlichte das Ministerium einen öffentlichen Aufruf zur Auswahl eines neuen Registrierungsagenten. Das Verfahren wurde durch eine einstweilige Verfügung des Wirtschaftsgerichts vom 10. Juli 2023 unterbrochen. Die eingegangenen Angebote wurden nie geöffnet.
Beworben hatten sich zwei Unternehmen, Radix FZC DMCC mit Sitz in Dubai und Leonhardt d.o.o. aus Ljubljana. Nach den Angaben im Dokument verfügte zum Zeitpunkt seiner Erstellung keiner der beiden Bieter mehr über eine gültige Bankgarantie in Höhe von 500.000 Euro, die als konstitutive Bedingung für die Gültigkeit eines Angebots vorgesehen war.
Am 8. Mai 2026 kam die zuständige Kommission einstimmig zum Ergebnis, dass sich die Umstände seit 2023 wesentlich geändert hätten, und schlug der Regierung vor, das Verfahren zu annullieren. Als Gründe nennt das Dokument neben der rechtskräftigen Feststellung des Vertragsendes den Status von .me als kritische Infrastruktur, eine interne Unstimmigkeit in den Vergabeunterlagen, wonach der Aufruf lediglich 35 Prozent staatlichen Anteils verlangte, obwohl ein Expertenteam im November 2022 mindestens 50 Prozent empfohlen hatte, sowie die strategische Neuausrichtung hin zu staatlicher Verwaltung. Die Regierung nahm die Information nach eigener Mitteilung am 26. Mai 2026 an.
Drei Modelle stehen zur Wahl
Die technische Analyse prüft drei Wege. Modell A sieht vor, dass der Staat die gesamte Registry-Infrastruktur selbst aufbaut und betreibt, einschließlich der Registry-Plattform, des Anycast-Netzes, von DNSSEC, EPP und RDAP. Es biete die größte Souveränität, erfordere jedoch Investitionen und Fachpersonal, die kurzfristig nicht verfügbar seien. Modell B beschreibt eine hybride Lösung, bei der der Staat die Registrierungsdatenbank, die Domainpolitik, die DNSSEC-Verwaltung und die Beziehungen zu den Registraren behält und Infrastrukturdienste an internationale Partner vergibt. Modell C verlagert den gesamten technischen Betrieb an einen externen Anbieter, während Regulierung und Steuerung beim Staat bleiben.
Modell C wird als schnell umsetzbare und operativ risikoarme Übergangslösung bewertet. Als langfristig realistisches Zielmodell bezeichnet die Analyse dagegen Modell B, bei dem der Staat zentrale Registry-Funktionen und die Kontrolle über die Daten behält und spezialisierte technische Leistungen weiterhin auslagert. Voraussetzung sei in beiden Fällen, dass der Staat das volle Eigentum an den Daten behalte und die Verträge präzise formuliert würden.
Der regulatorische Hintergrund
Das Dokument ordnet den Vorgang in den europäischen Rahmen ein. Montenegro ist EU-Beitrittskandidat. Das im November 2024 verabschiedete Gesetz über Informationssicherheit dient der Angleichung des montenegrinischen Rechts an die NIS2-Richtlinie, eine vollständige Umsetzung war damit jedoch noch nicht erreicht. Insbesondere die Artikel 26 bis 28 zu Domainregistrierungsdaten sollen durch eine Änderung des Gesetzes über elektronische Kommunikation umgesetzt werden, deren Entwurf die Regierung am 26. März 2026 beschlossen hat und der sich nach Angaben des Regierungsdokuments im parlamentarischen Verfahren befindet. Auf der Liste der kritischen Infrastruktur Montenegros steht .me bereits.
Aus den ICANN-Grundsätzen für die Delegation und Verwaltung von ccTLDs leitet das Dokument ab, dass die Politik einer Länderendung vom jeweiligen Staat festgelegt wird und dass die Regierung den Rahmen der Verwaltung, einschließlich der Auswahl und Ablösung des Registrierungsagenten, bestimmen kann. Das entspricht dem Eintrag in der Root-Zone-Datenbank der IANA: Als ccTLD-Manager ist dort seit dem 24. September 2007 ausschließlich die Regierung Montenegros eingetragen, doMEn wird nicht als delegierte Betreiberin geführt.
Zur Disposition steht damit nicht die Delegation der Länderendung, sondern die Auswahl des Unternehmens, das Registrierungs- und technische Registry-Dienste für den Staat erbringt.
Was das für Domaininhaber bedeutet
Nach dem derzeit vorliegenden Stand ergeben sich keine kurzfristigen Änderungen. Die Delegation liegt unverändert beim Staat, die Registrierungen bestehen fort und der technische Betrieb läuft weiter. Das Dokument empfiehlt der Regierung ausdrücklich, den Übergangszustand vertraglich zu regeln und mit doMEn eine befristete Übergangsvereinbarung auszuhandeln, die die technische Kontinuität sichert, günstigere Finanzbedingungen für den Staat vorsieht, Aufsichtsmechanismen schafft und die geordnete Übergabe von Datenbank und DNS-Infrastruktur an ein künftiges staatliches Unternehmen verpflichtend macht.
Ein jüngeres Beispiel für einen Betreiberwechsel ist Kolumbien. Dort übertrug die IANA im September 2020 die Delegation der Top-Level-Domain .co an das zuständige Ministerium. Im Juni 2025 erhielt ein Konsortium aus der Team Internet Group und dem kolumbianischen Unternehmen Central Comercializadora de Internet den Zuschlag für zehn Jahre, und am 4. Oktober 2025 wurden 3,3 Millionen Domains migriert. Zum Vergleich: Die .me-Registry beziffert ihren Bestand auf über 1,1 Millionen Domains.
Hinweis: Der Autor war Chair des Boards von Public Technical Identifiers, der Organisation, die die IANA-Funktionen ausführt. Dieser Beitrag stützt sich ausschließlich auf öffentlich zugängliche Dokumente.
Quellen
- Regierung Montenegros: Information über die Ergebnisse des öffentlichen Aufrufs zur Auswahl eines Registrierungsagenten für .me, 27. Mai 2026
- Regierung Montenegros: Beschlüsse der Sitzung vom 26. Mai 2026
- Regierung Montenegros: Mitteilung zur Einleitung des Verfahrens, 2. August 2026
- IANA Root Zone Database, Eintrag .me
- IANA Report on the Delegation of the .ME Top-Level Domain, 11. September 2007
- domain.me: Angaben der Registry zu Bestand, Geschichte und Partnern
- IANA Report on the Transfer of the .CO top-level domain, 4. September 2020
- Team Internet: Zuschlag für den Betrieb von .co, Juni 2025
- Team Internet: Migration von 3,3 Millionen .co-Domains, 4. Oktober 2025