Nachruf
Bertrand de La Chapelle, Gründer des Internet & Jurisdiction Policy Network, ist gestorben
Bertrand de La Chapelle saß im ICANN-Vorstand, vertrat Frankreich als Botschafter für die Informationsgesellschaft und gründete das Netzwerk, das sich mit dem Konflikt zwischen Staats- und Netzgrenzen befasst. Er starb am Mittwoch, dem 26. August.
Sein Thema lässt sich in einem Satz sagen: Das Internet kennt keine Grenzen, das Recht schon. Wer haftet, wenn ein Inhalt in einem Land erlaubt und im nächsten verboten ist? Wer darf eine Domain sperren lassen und nach welchem Recht? De La Chapelle hat diese Frage nicht gelöst. Er hat dafür gesorgt, dass sie an einem Tisch platziert wurde, an dem Regierungen, Unternehmen und Zivilgesellschaft saßen.
Vom Ingenieur zum Diplomaten
Ausgebildet an der École Polytechnique, an Sciences Po und an der Verwaltungshochschule ENA, wurde er 1986 französischer Diplomat. 1987 wechselte er als technischer Berater in das Kabinett des Europaministers. Von 1994 bis 1998 leitete er Virtools, ein Unternehmen für interaktive 3D-Software, das er mitgegründet hatte und das später an Dassault Systèmes verkauft wurde.
Von 1998 an leitete er im französischen Außenministerium die neu eingerichtete Einheit für neue Informationstechnologien. Von 2003 bis 2006 arbeitete er im Sekretariat des Weltgipfels zur Informationsgesellschaft, von 2006 bis 2010 war er Frankreichs Sonderbotschafter für die Informationsgesellschaft.
Drei Jahre im ICANN-Board
Zwei Jahre lang war er stellvertretender Vorsitzender des Regierungsbeirats, des Governmental Advisory Committee (GAC). Vom 10. Dezember 2010 bis zum 21. November 2013 saß er im Vorstand von ICANN. In dieser Zeit fiel die erste Runde neuer Endungen.
2012 gründete er das Internet & Jurisdiction Policy Network, zunächst als Projekt. Aus ihm gingen drei Arbeitsprogramme und eine Konferenzreihe hervor, die 2016 in Paris begann, 2018 in Ottawa und 2019 in Berlin fortgesetzt wurde. Er prägte NETmundial 2014 in São Paulo mit und war 2024 bei NETmundial+10 dabei. Zuletzt war er Mitgründer und Chief Vision Officer der 2022 gegründeten Datasphere Initiative.
Der Rüstungswettlauf des Rechts
Wie er das Problem sah, hat er 2016 zusammen mit Paul Fehlinger aufgeschrieben, mit dem er das Netzwerk gegründet hatte. Wenn jeder Staat seine Regeln auf das ganze Netz anwendet, entsteht ein Wettlauf, den niemand gewinnt:
unilateral actions by actors to solve the complex jurisdictional conundrum on their own create a legal competition that makes the problem harder.
Seine Alternative war kein Weltvertrag, sondern etwas Unfertigeres: eine Zusammenarbeit, die so grenzüberschreitend ist wie das Netz selbst. Wörtlich: "innovative cooperation mechanisms that are as transnational as the Internet itself."
Die Reaktionen
Noch am Todestag kondolierten die brasilianische Internetverwaltung CGI.br und das Netzwerkinformationszentrum NIC.br. Sie nennen ihn "one of the greatest exponents of global Internet governance" und "a pioneer in the implementation of multistakeholder governance processes".